Star Wars VII: Das Erwachen der weiblichen Macht

Star Wars VII: Das Erwachen der weiblichen Macht

Star Wars II
Die Zeit, meine Freunde, sie scheint gekommen. Der Star Wars Hype hat nun auch mich gepackt. Nachdem ich an sechs Episoden – ohne schlechtes Gewissen – vorbeigekommen bin, habe ich in diesen Tagen nur eine Mission: Babysitter besorgen und ein Kinoticket erhaschen. Der Grund dieser 180 Grad-Wendung lässt sich in weniger als 140 Zeichen erläutern: Star Wars „Das Erwachen der Macht“ besteht den Bechdel Test.
"Star Wars: Der Film habe - neben seinen vielen anderen Qualitäten - den Test bestanden." Quelle: Rebecca Keegan.
Star Wars besteht den Bechdel Test. Quelle: Rebecca Keegan.
Am 15. Dezember twitterte dies Rebecca Keegan, die Filmjournalistin der Los Angeles Times. Ihr könnt euch zurücklehnen. Es ist nicht schlimm den Bechdel Test nicht zu kennen. Hätte ich auch nicht, hätte ich nicht vor Kurzem ein super witziges Interview mit Isabell Suba, einer Berliner Jungregisseurin, geführt (das Interview erscheint bald hier im Blog). Der Bechdel Test ist nämlich kein wissenschaftlich konzipierter Fragenkatalog mit ausgefeilten Prüfkriterien. Er ist bei Weitem nicht perfekt, was Richtigkeit und Vollständigkeit der statistischen Variablen angeht, das hat die Autorin des Tests Alison Bechdel selbst zugegeben. Jedoch ist er in der Filmbranche einer der populärsten Tests, um sexistische oder veraltete Rollenbilder in Filmen anzuprangern und, um zu prüfen, wie weit die Gleichberechtigung im Film vorangekommen ist. 
Bevor es aber zum Bechdel-Test geht, hier einmal eine Lektüreempfehlung mit Augenzwinckern. In Kürze erscheint, passend zum 50. Star Trek Jubiläum, »Pretty in Space – Die Frauendarstellung in Star Trek«. Nicole Kubitza analysiert mit einem Schwerpunkt auf Star Trek The Original Series: Wie gehen die, in erster Linie zu Kommerz- und Unterhaltungszwecken dienenden, Fernsehserien der 60er Jahre mit dem noch neuen Feminismus-Diskurs um?

Der Bechdel-Test – grandios in seiner Schlichtheit

Die US-amerikanische Autorin und Comiczeichnerin Alison Bechdel hat den Test eher zufällig 1985 im Rahmen einer ihrer Comics erfunden. Kern des Bechdel-Tests sind drei Fragen, die ausnahmslos alle mit „Ja“ beantwortet werden müssen, um den Test zu bestehen:
  1. Gibt es mindestens zwei Frauenrollen mit einem Namen?
  2. Sprechen diese Frauen miteinander?
  3. Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Klingt einfach, ist es aber gar nicht. „Casablanca“, „Dirty Dancing“ und „Harry Potter“: Alle durchgefallen. Selbst Riesen-Blockbuster wie „Avatar“ und die komplette „Herr der Ringe“-Reihe haben den Test nicht bestanden. Vorherrschend in der Filmindustrie sind immer noch Schwarzenegger, Stallone und andere vermeintliche Muskelprotze. Dabei widerlegen Untersuchungen des „Centers for the Study of Women in Television and Film“ der San Diego State University schon längst das alte Vorurteil, dass Filme mit starken Frauen weniger Kasse machen, als solche mit Macho-Helden. In Hollywood ist es mit der Gleichberechtigung im Film noch nicht weit her. Bei den Filmen der Berlinale übrigens auch nicht. Nur drei von 20 bestanden da 2014 den Test, darunter z.B. Boyhood. Im Film über eine texanische Patchwork-Familie reden gleich mehrere Frauen über Themen des Lebens.

Zurück zu Star Wars. Auch hier galt für Frauenfiguren bislang vor allem Eines: Sie müssen gut ausschauen. In den ersten drei Teilen der „Star Wars“-Saga, reden – außer Leia – die wenigen weiblichen Figuren gerade einmal 63 Sekunden – und nicht unbedingt einmal – miteinander. Gestern aber, und ich musste direkt zweimal hinschauen, sah ich auf den Filmplakaten der Sternenkrieger eine ungeschminkte Hauptdarstellerin. Rey, Schwert schwingend, in heroischer Pose über den männlichen Charakteren stehend. Rey, kurz und knackig, leitet sich aus dem Spanischen ab und bedeutet König – wie treffend. Eigentlich ein Jungenname. Aber wenn Mark Zuckerberg seine Tochter Max nennen kann, dann kann J.J. Abrams seine Protagonistin auch Rey nennen. Oder war es umgekehrt? Egal, ich schweife ab.

Ich hatte schon Anfang des Jahres die ersten Gerüchte mitbekommen: Die Hauptfigur in Star Wars VII sollte weiblich sein, hieß es da. Frauen weltweit waren begeistert. Heiße Diskussionen gab es in den entsprechenden Foren: Würde Rey so erstaunlich sein, wie ich es mir wünsche? Wird sie stark sein oder verletzlich. Oder verletzlich sein, ohne klischeehaft zu wirken? Wird sie komisch sein? Wird sie ein Vorbild sein? Wird Rey eine Beziehung haben, wird sie flirten oder wird sie das Imperium retten? Wird sie letztendlich zum Vorbild taugen und im nächsten Jahr bei Millionen von Mädchen als Poster im Kinderzimmer hängen? Keine Ahnung. Ich habe den Film noch nicht gesehen. Und solange ich keinen Babysitter für zwei Kleinkinder gefunden habe, kann euch da weder Ängste nehmen, noch diese befeuern. Das, was man aber in Trailern, auf Plakaten und zuletzt durch den Tweet von Rebecca erfährt, scheint Eines klar zu machen: Rey muss unfassbar cool sein.

Rey ist die Heldin, auf die wir alle gewartet haben

Allerdings zog der Tweet nicht nur Beifall nach sich. Bekundungen wie: „Wen interessiert’s?“ gehörten da noch zu den harmlosen. Einige meinten sogar, dass Frauen in den Episoden nicht zu suchen hätten. Eine heiße Diskussion entbrannte, die vor allem Eines stärkte: Die Kraft der Feministinnen. Bloggerinnen werden Rey lieben. Bis auf – und jetzt müsst ihr ganz stark sein – die lieben Modebloggerinnen und -blogger. Denn Rey ist kein Püppchen. Sie ist keine Wonderwoman, keine Leia in aufreizendem goldenem Bikini, keine Sklavin ihrer Kleidung. Sie schmiegt sich nicht in enge Korsetts – buchstäblich nicht und auch nicht metaphorisch. Sie ist nicht angezogen, sie ist vielmehr eingepackt in ein paar Quadratmeter sandfarbenen Stoff. (Kommt mir als ehemalige Soldatin irgendwie bekannt vor). Was für euch vielleicht ein Verlust an Modegeschmack ist, ist für die Zukunft der weiblichen Actionstars ein Gewinn. Denn, während es für Jungen unzählige heroisch etablierte und tapfere Vorbilder in Filmen gibt, zeichnen sich Actionheldinnen bislang zumeist vor allem durch das enganliegende Körperkleid aus. Zudem, so habe ich mir von meinem Mann sagen lassen, ist es ganz im Sinne der etablierten Star Wars Vision: Viel Action, irgendeine Einstellung und praktische Kleidung. Während Prinzessin Leias Bikini eine Lektion in Sachen „der Fantasie freien Lauf lassen“ ist, ist Rey bedeckt. Sehr, sehr bedeckt. Rey muss nicht schauspielern. Sie scheint da zu sein, um ihr Ziel zu erreichen. Sie wird, das weiß ich schon jetzt ihre Fans begeistern. Zügellos und kraftvoll den Millenium-Falken steuern , das Lichtschwert so zielgenau und fordernd schwingen und sich dabei nicht in Oberflächlichkeit verlieren. Denn diese Art der weiblichen Helden ist knallhart. Ihr Charaktere ist realistisch und komplex. Es gibt, habe ich mir sagen lassen, keine Notwendigkeit, die Frauen im Star Wars-Universum zu verstecken, denn auch Leia war eine Kämpferin. Dennoch, Reys Leistungen werden für sich sprechen, sie werden motivieren, sie werden kleine Mädchen die Lichtschwerter schwingen lassen. Denn sie ist schon jetzt zweifellos der ungegenderte Hauptheld in „Das Erwachen der Macht“.

 Regisseur J.J. Abrams brilliert in puncto Diversität

Der US-amerikanische Regisseur der letzten Star Wars-Episode J.J. Abrams hatte bereits in der Fernsehserie „Alias – Die Agentin“ einer Frau die Hauptrolle gegeben. In 2015 ist es nun eine Star Wars-Heldin. Was zeitgemäß erscheint und bei Abrams beruflicher Biografie nicht wundert, ist aber auch ein geschickter Marketing-Zug. Denn vor einiger Zeit ist Abrams bei den weiblichen Fans der Sternentrilogie in Verruf geraten, als er Star Wars eher aus Versehen als „a typical boy’s thing“ betitelte. In mehreren Interviews musste er dies nun fortwährend revidieren. Er betont ausdrücklich, dass er sich freuen würde, wenn er Mütter und Töchter begeistern könnte, gemeinsam das Abenteuer zu sehen. Abrams ist ein Regisseur der aufgeklärten Art. Dies zeigt sich auch bei der Besetzung weiterer wichtiger Rollen für den Film: John Boyega wurde in London geboren, seine Eltern stammen aus Nigeria. Er spielt eine der Hauptrollen neben Rey. Die Eltern der in Mexiko geborenen Lupita Nyong’o sind Kenianer. Die oscarprämierte Schauspielerin spielt die Maz Kanata, eine Art Yoda-Nachfolgerin. Und Oscar Isaacs Wurzeln liegen in Guatemala und Kuba. Diversität gehörte für Abrams ins Pflichtenheft der Castings. Botschaften, die nicht mehr umkehrbar sind. Und die, egal, ob Abrams die achte Episode drehen wird oder nicht, für weitere Spekulationen sorgen werden. Eine Spekulation gebe ich hier einmal in die Runde und ihr werdet mich verfluchen.

In Episode VIII wird es ein Coming Out geben

Denn von nun an werdet ihr bei doppeldeutigen Botschaften aufhorchen, werdet euch bei jedem Dialog, bei jedem gleichgeschlechtlichen Blickwechsel fragen, ob die beiden Rollen nicht ihr Coming Out in Episode VIII haben werden. Danke für das Gedankenkino höre ich euch zetern. Bitte schön, gerne geschehen :-). Das Thema Coming Out wäre nur folgerichtig und wünschenswert. Jetzt bin ich gespannt, ob die kommenden Regisseure auf mich hören und wie sie dies umsetzen. Gerade habe ich gelesen, dass Prinzessin Leia nun „General Leia“ heißt und eine der obersten Stormtrooper eine Frau ist. Wunderbar. Mein Mann hat da gestern Abend einmal seine – nicht ganz ernst gemeinte – Vorstellung von Episode VIII skizziert.
Star Wars VIII - Das Gedankenkarussell meines Mannes, von ihm selbst skizziert.
Star Wars VIII – Das Gedankenkarussell meines Mannes, von ihm selbst skizziert.
Vielleicht gibt es irgendwann auch einmal so etwas wie eine „Darth Mudder“ und Blondinenwitze, wie „Unterhalten sich zwei Stormtrooperinnen über…“?! Nun, wir werden es erfahren. Doch Eines ist schon jetzt klar:

Die Macht ist weiblich

Das wusste auch schon der Duden. Ich erkläre 2015 für das Jahr der Rey, und des Feminismus in Star Wars. Rey ist mit aller Sicherheit, die feministische Heldin, auf die alle warten. So, genug der Prophezeiungen, jetzt bin ich erst einmal gespannt auf den Dialog zwischen Rey und der zweiten weiblichen Person. Denn, Bechdel-Test hin oder her. Wir wissen bislang nur, sie unterhalten sich nicht über Männer. Vielleicht aber über Schminke, Shopping und Babys? Deswegen muss ich jetzt rein in den Film. Um mich zu überzeugen, dass Star Wars tatsächlich im 21. Jahrhundert und in der Wirklichkeit der Frau angekommen ist. Der Bechdel-Test ist keine Absolution. Vielmehr ist er eine schlichte Methode, auf den Sexismus in der Filmindustrie hinzuweisen.

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